Berlin – Sosnivka – Berghia (Rumänien), 2958km, 8.8 – 18.8.2016

Berlin – Sosnivka – Berghia (Rumänien), 2958km, 8.8 – 18.8.2016

**Und was heißt „Domashnij moloko“ jetzt auf Rumänisch??**

Am Dienstag, den 8.8.2016, verließ ich Berlin nach knapp einem Monat wieder Richtung Ukraine. Ursprünglich wollte ich schon einen Tag eher starten, aber eine Angina hat mich noch einen Tag warten lassen.
Bis zur Grenze bin ich auch ziemlich schnell gekommen. Kurz vor Mitternacht habe ich den kleinen Grenzübergang Budomiercz überquert. Als ich dann aber bis 2.30Uhr keine Mitfahrgelegenheit fand, legte ich mich einfach nur mit Schlafsack in die Nähe der Straße. Irgendwann wurde ich dann geweckt, weil Leute vorbeiliefen. Als ich mich umdrehte um meinen Kopf aus dem Schlafsack steckte, erschraken sie und fragten irgendwas und nach meinen Dokumenten. Als ich sie jedoch fragte ob sie Polizisten seien, zogen sie wieder von dannen.
Am Mittwoch Vormittag traf ich mich dann mit Sava, Sascha und Ivan in Lwiw und unterstützte die drei bis Freitag bis zum Start ihres Projektes so gut es ging.
Am Freitag Mittag fuhren wir dann nach Lwiw, wo am folgenden Tag der von der Presse begleitete Start folgte.
Während also meine ukrainischen Freunde am 13.8. Richtung Westen fuhren, machte ich mich auf den Weg nach Süden Richtung Rumänien.
Es sollte ein sehr anstrengender Wiedereinstieg werden mit einer Gesamthöhendifferenz von 13 600m, verteilt auf 500km. Doch der erste Tag verlief einigermaßen gemütlich. Ich schaffte es noch, bevor ich mein Lager hinter einer Kirche in Hoschiw aufschlug, Honig zu erstehen und musste im Prinzip nur der Hauptstraße folgen.

Doch am Sonntag wurde es dann anstrengender. Ich nutze immer die Routenführung von openrouteservice.org. Meist folge ich der Vorgabe, manchmal weiche ich ein wenig davon ab. Ich hatte schon in Sosnivka bemerkt, dass ein Teil an der Oblastgrenze Ivano-Frankivsk/Zaparkaten dort verläuft, wo bei GoogleMaps keine Straße verzeichnet ist. Natürlich war ich neugierig, aber mich erwartete ein hartes Stück Arbeit, denn der Weg war weder asphaliert, noch ein Feldweg sondern nur ein steiniger Wanderweg. Es war das erste Mal, dass ich mein Rad schieben musste und selbst herunter konnte ich nicht fahren, weil der Weg einfach zu steinig war. Wenn es dann doch einmal möglich war, konnte ich nur unwesentlich schneller als Schritttempo fahren. Hinzu kam, dass dort auch der höchste Punkt (1260m) der Streckenführung war. Dort war es mir auch möglich, mein Zelt aufzubauen.

Doch der Weg sollte nicht die einzige Herausforderung bleiben. In der Nacht begann es, stark zu regnen und auch vormittags ging es weiter. Ich konnte also nicht wie sonst um 8 Uhr aufstehen und alles zusammenpacken sondern musste bis 12 Uhr warten. Ein netter Nebeneffekt des Regens war, dass der Weg nun unzählige Schlamm- und Wasserlöcher bereithielt. Irgendwann, mittlerweile ging es nur noch bergab, fing es wieder an zu regnen. Dabei stellte sich heraus, dass meine Regenjacke plötzlich keinen Regen mehr abhält. Irgendwann verlief der Weg auch in einem knöchelhohen Bach und spätestens dort, war mir dann alles egal. Dort hätte zum krönenden Abschluss nur noch eine Reifen- oder sonstige Panne gefehlt.
Nass von den Haar- bis zu den Zehenspitzen erreichte ich dann endlich das Dorf, von dem eine vernünftige Straße abging. Eine halbe Stunde vorher hatte es auch mit Regnen aufgehört. Ich zog mich um und raste dann die erstaunlich gute Straße entlang. Leider hielt der Zustand nicht lange an und ich durfte wieder auf einer Schlaglochpiste fahren. Bei der Suche nach einem geeigneten Zeltplatz fuhr ich über eine kleine Holzhängebrücke, die durch den Regen natürlich sehr glitschig war. Auf dem Rückweg – ich konnte keinen guten Platz finden – wollte ich die Überfahrt mit der Kamera filmen, was allerdings ziemlich schief ging (Video unten). Schlussendlich fand ich dann an einem großen See einen akzeptablen Platz.

Am Dienstag (16.8) verließ ich dann mit vielen Fragen meine liebgewonnene Ukraine – allerdings nicht, nachdem ich erstaunlicherweise mit 63,6km/h eine neue Geschwindigkeitsbestmarke aufstellte. Wie sollte ich mich in Rumänien verständlich machen? In der Ukraine konnte ich den Leute mittlerweile gut klar machen, was ich wollte und verstand auch einigermaßen, was sie von mir wollten. Doch Rumänisch ähnelt eher dem Spanischen und Italienischen, was ich beides nicht beherrsche. Trotzdem kein Grund, neues Terrain zu betreten. Der Grenzübertritt verläuft erwartungsgemäß problemlos, auf rumänischer Seite werde ich noch gefragt, ob ich denn keine Angst hätte. „Wovor?“ – „Vor schlechten Leuten.“ – Ich lache und frage, welcher Mobilfunkanbieter das beste Angebot bietet. Es ist Vodafone.
Ich bin also wieder in der EU, doch statt Freude erst einmal Entsetzen. Nach fast drei Monaten prangen mir nun Hinweisschilder nach LIDL und Kaufland entgegen; wahrscheinlich war ich aber nur zu lange auf dem Land zwischen Dörfern unterwegs.
Die Nacht verbringe ich auf dem Hof von Gitzko, der mich, nachdem ich nicht verstanden habe, dass ich dort schlafen kann, einfach weiter gefahren bin, auf seinem Roller ein- und zurückgeholt hat. Zuvor fuhr ich durch die vielen Dörfer, die für die Region typischen großen geschnitzten Holzportale an der Straßenseite besitzen. Davor saßen Großmütter, die Schafwolle sponnen, Kleidung nähten oder sich einfach unterhielten. Bilder, bei denen ich mich ohrfeigen könnte, sie nicht digital festgehalten zu haben.

Ich hatte erwartete, dass die Straßen in Rumänien besser wären als in der Ukraine. Was ich bis dato erlebt hatte, so wurde die Erwartung nicht erfüllt. Es gab zwar nicht so viele Schlaglöcher, dafür waren aber vergleichbare Straßen in Rumänien Feldwege, die aber zum Glück meist trotzdem mit 20km/h befahren werden konnten. So setzte ich meine Fahrt fort, wiedermal steile Straßen hinauf und bei der Abfahrt musste ich die Federung auf der rechten Seite etwas fixieren, da sonst das Rad ziemlich wackelte. Übernachtet habe ich auf einer Weide, von der aus man einen recht schönen Blick über die mir jedes Mal Beinschmerzen (allerdings nur im übertragenden Sinne) verursachende Hügellandschaft.

Am Donnerstag (18.8) war mein Plan bis kurz vor Targu Mures zu fahren, weil ich dort eine Couchsurfing-Unterkunft hatte. Allerdings fing der Tag ziemlich schlecht an. Ich brach um 9Uhr auf, doch der Weg ins nächste Dorf war sehr schlammig. So schlammig, dass der Schlamm sich an meinen Reifen festklebte und schließlich das Fahren unmöglich machte. Es war 5km ins Dorf – ich brauchte 2 Stunden und habe noch nie so geflucht, seit ich aus Berlin losgefahren bin.
Im Dorf angekommen machte ich beim ersten Haus halt, in dem Leute draußen waren. Sie halfen mir beim Säubern meines Rades und ich bekam zum Schluss noch ein bisschen Essen und 2 Liter Milch. Leider hatte auch diese Strecke wieder unglaubliche Anstiege zu bieten. Aber als ich einmal meinen Wasservorrat an einem Brunnen auffüllte, wurde ein Mann auf mich aufmerksam, der mir einen Liter Wein schenken wollte. Er akzeptierte keine vollständige Ablehnung, also einigten wir uns auf 0,5 Liter.
Bis ich dann nach mehr als 130km vollkommen fix und fertig in Berghia ankam, direkt vorher ist natürlich nochmal ein letzter Anstieg, war die Flasche auch schon fast leer.

„Domashnij moloko“ (zu deutsch „frische Kuhmilch“) heißt auf rumänisch „lapte de casa“.


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