Silopi, 1.2 – 6.2.2017, 7787km

Silopi, 1.2 – 6.2.2017, 7787km

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**Der Polizeiwillkür ausgesetzt**

Am ersten Tag in Silopi wollte ich mein Fahrrad reparieren und ging mit Ridvan auf die Suche nach einem Fahrradladen. Doch schon nach wenigen Metern durften wir die Bekanntschaft mit der Polizei machen.
Silopi gehört zu einer so genannten Militärzone. Es gibt eine Ausgangssperre von 23Uhr bis 3Uhr und im Minutentakt fahren gepanzerte Polizeifahrzeuge vorbei.
Wir wurden also angehalten und im Nu waren mindestens 12 Polizeibeamte auf der Straße mit uns beschäftigt und fünf der gepanzerten Fahrzeuge standen um uns herum. Wir wurden durchsucht, aufgefordert unsere Personalien vorzuzeigen und die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Es wurden Anrufe getätigt, Chefs herbeigerufen und immer wieder die gleichen Fragen zum Grund unseres Daseins in der Straße gefragt. Nach 40 Minuten konnten wir unsere Suche dann endlich fortsetzen. Die Fahrradläden hatten aber alle nur 26-Zoll-Felgen, sodass ich im Internet mit der Hilfe von Serkan aus Samsun die passenden bestellte.

Leider wurden meine Zahnschmerzen vor allem nachts unerträglich und ich beschloss zum Arzt zu gehen. Zum Glück kannte Ridvan einen Zahnarzt im Krankenhaus. Der machte Röntgenaufnahmen und meinte, ich solle ein Antibiotikum nehmen. Darauf hatte ich aber keine Lust und nahm nur Schmerztabletten. Diese halfen aber auch nicht. Es war eine unangenehme Zeit, zumal die Familie von Ridvan super nett und lustig war, ich aber oft Schmerzen hatte und deshalb nicht sehr ausgelassen sein konnte. Die Schwester eines Couchsurfingkontakt arbeitete in der benachbarten Provinz Siirt in einem Krankenhaus und sprach Englisch. Dorthin wollte ich dann am 4. Februar fahren, um die Füllung neu machen zu lassen – es endete in einem Fiasko, aber nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Von Silopi gibt es keinen direkten Bus; über Cizre fuhr ich nach Şırnak. An der Stadtgrenze musste ich mich, diesmal natürlich komplett ohne Gepäck reisend, wieder einer Befragung unterziehen, während die Passagiere ungeduldig im Bus warten mussten. Der Soldat war erst auch ziemlich aggressiv, wurde dann aber etwas freundlicher. Nach einer Stunde rumsitzen, bekam ich nach Rumfragen die Info, dass eine halbe Stunde später ein Bus fahren würde. Ich blieb also noch sitzen, was ein großer Fehler war: Ich saß direkt an der Straße und 10min vor Ankunft des Busses kam die Polizei vorbei. Ich machte auf genervt und durch die Schmerzen gebrochen, aber es half nichts. Die Polizisten waren unnachgiebig und wollten nicht verstehen, wieso ich nicht in Şırnak ins Krankenhaus wollte. Letztendlich wurde ich in das gepanzerte Fahrzeug gebeten und auf die Wache gefahren.
Ganze vier Stunden wurde ich dort festgehalten. Wieso? Keine Ahnung. Es wurde sogar jemand geholt, der sehr gut Englisch sprechen konnte und übersetzte. Ich wurde gefragt, wieso ich nach Siirt wollte, wo ich überall mit dem Fahrrad war, wie ich die Schwester des Couchsurfingkontaktes kennengelernt hätte, sie wollten meinen Couchsurfing-Benutzernamen haben und wissen, wo ich sonst übernachte und auch vorher in der Türkei übernachtet habe (den Kontakt in Erzurum). Sie legten sogar extra einen Couchsurfing-Account an, denn ich bekam mein ausgedrucktes Profil sowie das meines Kontakts zum Bestätigen vorgelegt. Ich musste mein Handy und die Kamera den Polizisten aushändigen, die die Fotos sehen wollten. Ich zeigte mich – notwendigerweise – kooperativ, betonte am Ende aber noch einmal, dass ich einfach in nur ein Krankenhaus wollte, von dem ich wusste, dass ich mich mit Englisch verständlich machen konnte, damit keine Missverständnisse bei einer Behandlung auftreten.
Am Ende musste ich noch ein Dokument unterschreiben. Es war handschriftlich angefertigt und sollte die Umstände meiner „Festnahme“ beschreiben und meine „Freilassung“ darstellen. Ich bat um einen englische Version oder die Möglichkeit ein Foto zu machen. Beides wurde verneint, denn dieses handschriftlich angefertigte Dokument sei offiziell und nicht nur für interne Zwecke. Es wurde regelrecht darum gebettelt, dass ich unterschreibe. Was blieb mir also anderes übrig? Mit dem Verweise „Keine Übersetzung erhalten“, setzte ich meinen Namen unter den Text. Danach wurde ich ins Krankenhaus gefahren, wo von einem Arzt festgestellt werden sollte, dass ich körperlich unversehrt aus der Befragung gekommen bin. Diese Untersuchung war auch ziemlich lächerlich: Ich sollte kurz mein T-Shirt heben, das war‘s. Nach den vier Stunden war der Bus natürlich schon längst weg und ich musste zurück nach Silopi fahren.

Şırnak wurde vom 14. März 2016 bis zu 14. November 2016 mit einer militärischen Ausgangssperre belegt, viele Bewohner flohen und ganze Stadtteile wurden auf Grund von Kampfhandlungen zerstört (Zeitungsartikel). Die Aufhebung war also gerade einmal 2,5 Monate her. Warum die Polizisten dann so scharf auf den rothaarigen Ausländer waren oder warum eine Person of Interest (von polizeilichem Interesse) darstell(t)e, bleibt natürlich unbeantwortet. Zum meinem Schutz war diese Befragung jedenfalls ganz sicher nicht. Schließlich wurde ich ja auch an der Stadtgrenze schon kontrolliert, worauf ich auf im Gespräch in der Wache nochmal hinwies.

Am Sonntag, 5. Februar, besorgte mir die Schwester von Ridvan einen Termin bei einem Zahnarzt in Silopi, der allerdings auch nur ein Antibiotikum empfahl. Dann holten wir mein Fahrrad ab und am Montag fuhr ich dann in den Irak. Ich hätte niemals gedacht, so froh zu sein, in diesem Land zu sein und die Türkei zu verlassen. Aber die Tage in der Kurdenregion in der Türkei waren sehr nervenzehrend. Ich bin wirklich sehr froh, dass Ridvan und seine Familie mich bei sich aufgenommen haben, sonst wäre es noch viel komplizierter geworden.

Ich hatte es also noch leicht, weil ich einfach wegfahren konnte. Die Kurden müssen tagtäglich mit solchen Repressalien leben.

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