Sulaimaniyya – Sanandadsch – Kermanschah – Hamadan – Teheran, 22.2 – 11.3.2017, 8891km

Sulaimaniyya – Sanandadsch – Kermanschah – Hamadan – Teheran, 22.2 – 11.3.2017, 8891km

**Geweckt vom Geheimdienst**

Bis zum irak-iranischen Grenzübergang Bashmaq sind es von Sulaimaniyya ca. 100km. Da ich erst mittags losfuhr, war klar, dass ich es nicht an einem Tag schaffen würde; zumal bis zum Grenzübergang noch einiges an Höhenmetern geschrubbt werden musste und ich ja leider auch nicht mehr schnell fahren konnte. Irgendwann gegen 17 Uhr fand ich dann am Ende eines Anstiegs eine Moschee, in der ich es mir gemütlich machte. Ich schaute mir nach den obligatorischen Nudeln noch gemütlich einen Tatort an und machte dann das Licht aus.
Gegen Mitternacht in der Nacht von Dienstag zu Mittwoch (21/22. Februar 2017) brach dann die Hölle los. Von der Straße aus war nicht zu sehen, dass mein Fahrrad an der Moschee stand. Trotzdem wurde ich aus dem friedlichen Schlaf gerissen, weil an die Tür gewummert wurde und drei soldatenähnliche Männer mit Kalaschnikows und hellen Taschenlampen kamen in den Gebetsraum. Englisch sprachen die Männer bis auf wenige Wörter nicht. Ich sollte schnell meine Sachen packen und mitkommen. Mein Fahrrad stand draußen und wurde schon unsanft in ihr Fahrzeug gehievt und dabei auch beschädigt. Ich hatte keine Lust mitzugehen; ich wollte schlafen – was hatte ich falsche gemacht? Gar nichts! Aber was soll man gegen den kurdischen Inlandsgeheimdienst Asayîş (Asajisch), der für Terror, Spionage- und Sabotageabwehr zuständig ist, machen? Die Männer bedienten sich an den Zigaretten, die ich für freundliche Leute gekauft hatte und „halfen“ mir beim Packen, indem sie alles auf einen Haufen schmissen und nahmen mir meinen Pass weg. Ich wurde wieder störrisch und packte alles extra langsam zusammen.
Dann ging es im offenen Lastwagen und bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt in irgendeine Stadt. Dort angekommen musste ich aussteigen und wurde zum Boss geführt. Ich bekam keinerlei Information, wieso dieser Zirkus veranstaltet wurde. Schlimmer noch; nachdem der Boss mit was auch immer bezüglich meines Passes fertig war, wurde ich angewiesen, wieder auf den LKW zu steigen. Ich setzte mich allerdings auf den Boden und sagte, ich wolle erst wissen, wieso ich hier bin und was der Grund für das Kasperletheater sei. Statt einer Antwort wurde ich hochgezogen und wieder auf die Ladefläche bugsiert.
Wir fuhren nach Penjwen, der Grenzstadt zu Iran. Es war mittlerweile 2 Uhr, meine Sachen wurden in die Polizeistation gebracht, dort wieder irgendwas rumgemauschelt, doch der dortige Kommandeur machte einen sympathischeren Eindruck als die Flitzpiepen vorher. Es war wirklich kalt und ich sollte in einem Hotel untergebracht werden. Nun ist Penjwen nicht die touristischste Stadt, vor allem im Winter und mitten in der Nacht. Kein Hotel hatte mehr auf, weshalb ich dann auf der Polizeistation schlief, was aber nicht so schlimm war.
Morgens musste ich noch eine Stunde nach dem Aufstehen warten, bis ich endlich meinen Pass wiederbekam und fahren konnte.
Vielleicht ist meine Ausdrucksweise arrogant, doch nachdem ich froh war, solche Aktionen im Kurdengebiet der Türkei entkommen zu sein, nur damit es die letzte Nacht im Irak wieder passiert, ging mir dieses ganze sinnlose Polizeigebären ziemlich auf den Wecker.

Der Grenzübergang war nicht so nett wie der an der türkischen Grenze. Als ich meinen Ausreisestempel bekam, eröffneten mir ein paar junge iranische Soldaten, ich könne die Grenze nicht mit dem Fahrrad überqueren. Als ich es dann natürlich doch schaffte, schindete ich lieber Zeit mit Gesprächen, als mein Gepäck auszupacken. Daher wurde es den Beamten irgendwann zu bunt und ich konnte weiter zu einem Typ, der sich mein Handy und die Dateien anschauen wollte, zum Glück nichts beanstanden zu hatte und schließlich zur Passkontrolle, die wirklich einfach über die Bühne ging und dann war ich wieder in Iran, wo ich mich auf Grund der niedrigen Sprachbarriere fast wie zu Hause fühlen konnte. Die Nacht verbrachte ich in der großen Moschee des kleinen Dorfes Nai Abad und wurde am Morgen zum Frühstück eingeladen.

Danach ging es nach Sanandadsch, wo ich bei Arvin und Donya ein paar Tage blieb. Beide machen zur Aufklärung über Kinderarbeit in Iran Fahrradtouren durch’s Land und ich lernte so viel Neues über das Leben (Arvin arbeitet 40 Stunden die Woche für weniger als 250€/Monat), die Kultur (z.B. was das Fahrradfahren angeht), Widersprüche (beim Heiraten) und Zerwürfnisse der iranischen Gesellschaft. Ich genoss meine Zeit bei den beiden sehr, die wir mit Kochen, Fahrten in die Berge oder durch die Stadt verbrachten.

Das nächste Ziel war Kermanschah, welches nach einer Tagesetappe am Dienstag, 28. Februar 2017, von Sanandadsch erreichte. Dort wurde ich eine Woche lang in die Familie von Ako integriert und übernachtete bei seinem Onkel Farzan. Auch dort lernte ich Neues und hatte eine sehr gute Zeit mit Ako, seiner Familie, Freundin und Onkel Farzan. Wir besuchten Bisotun, weltberühmt für die Inschriften und Felsreliefs sowie den alten Basar von Kermanschah. Der Abschied fiel etwas schwer und Farzan fuhr mich am Montag, 6. März 2017, ein paar Kilometer Richtung Hamadan, die letzte Station vor Teheran.

Entweder bin ich in der Woche in Kermanschah vom leckeren Essen zu verwöhnt worden oder die Reise forderte ihren Tribut, jedenfalls fuhr ich an diesem Tag keine 30 Kilometer mehr. Als ich mich an der Moschee um Erlaubnis fragen wollte, dort zu schlafen, bot mir ein Gläubiger an, bei sich zu übernachten, denn „Mehmon habib-e choda hastand“ (Gäste sind ein Geschenk Gottes).

Am nächsten Tag wollte ich nicht weiter der Hauptstraße folgen und versuchte, über eine Passstraße nach Hamadan zu kommen. Es lag allerdings noch recht viel Schnee und somit war ich nicht wirklich erstaunt, nur ein bisschen traurig, als ich herausbekam, dass die Straße noch gesperrt sei. Vielleicht war der Pass aber auch „nur“ genauso schwierig befahrbar, wie damals hinter Erzurum, ich kehrte jedenfalls wieder auf die Hauptstraße zurück. Da ich mein Visum verlängern musste, beschloss ich, außerhalb der Stadt in einer Moschee zu übernachten und dann am Morgen bei der Polizei aufzutauchen. So musste ich nicht lügen, wenn ich sagte, ich hätte noch kein Hotel, weil ich gerade erst angekommen bin. Die Beamten waren aber super entspannt und trugen zu meinem Erstaunen noch nicht einmal Uniform. Nach einer Stunde mit teils netter Plauderei war mein Visum für einen weiteren Monat verlängert. Bis meine Gastgeber von der Arbeit kamen, besorgte ich mir etwas Brot und setzte mich in einen Park. Das Brot schmeckte vorzüglich und ich kam mit den Bäckern ein bisschen ins Gespräch: Sie kamen alle aus unterschiedlichen Teilen Irans und backen pro Tag mehr als 2000 herrlich duftende und schmeckende Brote.

Am nächsten Tag (Donnerstag, 9.3) fuhr mein Gastgeber in Richtung der berühmten Höhle Ali Sadr, einem sehr touristischen Ort. Auf dem Weg passierten wir drei Dörfer, die alle eine alte Lehmfestung besaßen. Ich fühlte mich an die Drei Gleichen in Thüringen erinnert und wollte mir lieber diese Dörfer ansehen und konnte so ein paar nette Bilder machen, wie die Vorbereitungen auf das Neujahrsfest von Statten gingen.
Am Freitag standen wir in aller Frühe auf, um in den Bergen wandern zu gehen – so wie hunderte andere Bewohner Hamadans.

Am Montag, 11. März 2017, fuhr ich dann Richtung Teheran. Zuvor hatte ich noch ein paar Zahnräder gewechselt, doch nach ca. 60 Kilometern war Schluss. Nachdem in der Türkei die vordere Felge gerissen ist, riss die hintere auch und beschädigte auch den Reifen. Ich war es leid. Der Wind war ziemlich stark, ich konnte nur mit kleiner Übersetzung fahren, weil sonst keine Kraft auf das Antriebsritzel übertragen werden konnte und nun noch das. Alle Möglichkeiten abwägend entschied ich mich, nach Teheran zu trampen bzw. den Bus zu nehmen. Ich wäre sehr gerne auf dem Rad sitzend, eine Ehrenrunde um den Azaditurm drehend, in Teheran angekommen. Doch die drei Tage, die ich schneller da war, konnte ich nutzen, einen Mietwagen zu finden, um mit Freunden über die Neujahrsferien nach Baluchestan zu fahren.

So trampte ich nach Saveh und nahm von dort den Bus nach Teheran. Somit endete die Reise nicht wie ich es mir vorgestellt hatte, aber doch versöhnlich. Und rückblickend bereue ich diese Entscheidung überhaupt nicht 😉

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